_____________________________________________________________________ Die letzten Kilometer bis Halifax

Eigentlich hätten wir gerne einen ehemaligen Handelsposten der Hudson Bay Company in Thunderbay besucht aber seit Ende September sind dieTore für Besucher geschlossen. „Closed for the season“ kennen wir ja schon vom letzten Jahr.

In Thunderbay wollten wir nicht übernachten also fuhren wir auf dem TCH weiter nach Osten bogen auf die 613 ab, in der Hoffnung etwas passendes zu finden. Wir kamen immer weiter von unserem Kurs ab, drehten nach einigen Kilometern um denn den erhofften Parkplatz an einem Skigebiet gab es nicht. Auf der rechten Seite eine Holzhütte mit Parkplätzen. Bettina fragte nach ob wir am Rand des Grundstückes die Nacht verbringen können. Josh hatte nichts dagegen da die Hütte nur als Büro dient. Eine Einladung auf ein Bier folgte. Mit seinem Freund, der aus Portugal stammt, verbrachten wir zu viert noch einen netten aber kalten Abend vor ihren Pickup Trucks.>>

Eine Alternative zur Interstate 17, dem Trans Canada Hwy, gibt es im Grunde nicht. Die Verkehrsdichte ist moderat auch wenn die Hauptdurchgangsstraße von zwei auf einspurig wechselt. Die landschaftlichen Höhepunkte sind die Ausblicke auf den Lake Superior und den verstreuten Inseln. Das Fahren ist entspannt, nur den blauen Himmel und die Sonne vermissen wir. Die gelb gefärbten Blätter der Birken werden vom Wind verteilt und der Herbst hält langsam Einzug.

In der Terrace Bay schlugen wir für diese Nacht unser Zelt auf. Der See, aufgepeitscht vom heftigen Wind, glich eher einem Meer als einem Binnengewässer. Wäre es inzwischen nicht so bitter kalt hätte ich sicherlich viel Spaß mit Kitesurfen gehabt. So unternahmen wir, dick eingepackt, einen Strandspaziergang. Zurück auf dem TCH hieß es wieder fahren, fahren und Kilometer machen. Die Landschaft ändert ihr Bild kaum. Mischwald, bestehend aus Birken und Nadelgehölz, in dem versprengte Tümpel, Seen und Schilfflächen liegen, zogen an uns vorbei. Die Küstenlinie mit ihren einsamen Buchten bringen mich zum Träumen. Fleetwood Mac läuft über den iPad und die Stimme von Stevie Nicks dröhnt aus dem Lautsprecher. Die 17 verliert an ihrer Fahrbahnqualität. Uneben, mit Rissen und Bodenwellen versehen schaukeln wir über das graue Asphaltband, passend zum aufgewühlten Lake Superior und dem stürmischen Wind der uns entgegenpeitscht.

Der Himmel hatte über Nacht aufgeklart und die ersten Sonnenstrahlen wärmten den Tag. Der Lake Superior lag nun vor uns wie eine glatt gestrichene Tischdecke. Nichts deutete mehr auf den Sturm der letzten Tage hin. Sollte mal der Stöpsel aus dem See gezogen werden so würden beide Amerikas unter einer 30 cm hohen Wasserschicht verschwinden. Unglaublich was dieser See für Massen bereit hält.

Wieder Gewitter, wieder Regen. Das Getrommel der Tropfen auf unserem Wohnmobildach hatte uns keinen ruhigen Schlaf finden lassen. Kurz nach acht krochen wir aus unserem Bett. Wieder ein Tag um Kilometer zu machen. Verkehrsschilder machten uns aufmerksam, dass wir uns in Amishland befinden. Ein stilisiertes Pferd mit Kutsche auf gelben Untergrund mahnt zur Vorsicht das die Straße auch von anderen, langsameren Verkehrsteilnehmer benutzt wird. Die Besiedelung nimmt zu je weiter wir nach Osten kommen. Inzwischen folgen wir dem Seeufer des Lake Huron. Unsere GPS-Karte macht uns deutlich das es hier mehr Wasser- als Landfläche gibt.

Vor einem Jahr, fast zur selben Zeit, verbrachten wir ein paar nette Tage im Killbear Provincial Park. An der Ausfahrt zur 559 verließen wir die Intersatate 17 um abermals hinaus zur Georgian Bay zu fahren. Die Bucht mit ihren unzähligen Inseln, im Lake Huron, ist immer einen Abstecher wert besonders im Herbst, wenn der Indian Summer das Laub in den grellsten Gelb- und Rottönen erstrahlen lässt und die Besucherzahl überschaubar wird.

Der TCH wurde wieder zweispurig und die Nähe zu Toronto spürbar. Der Straßenverkehr nahm zu und die Besiedelung wurde dichter. Die Neubaugebiete so groß wie kleine Gemeinden in Deutschland. Toronto breitet sich gegen Norden in einer Größe aus die sich schon fast bis zum Lake Simcoe erstreckt. Die kanadische Wirtschaft floriert. Keines dieser Häuser ist unter 500.000,- Dollar zu haben. Wir wollten so schnell wie möglich Toronto hinter uns lassen.

Bettina und ich überlegten uns gut ob wir Toronto großzügig umfahren oder unseren Leopold auf der 401 mitten durch den Großstadtdschungel schleusen. Ein beinahe Zusammenstoß mit einem anderen PKW, auf einer der vielen Ausfallstraßen, veranlasste uns dann doch den Hwy zu nehmen. Dieser Idiot fuhr einfach in die Kreuzung obwohl wir Grün hatten. Eine Vollbremsung verhinderte schlimmeres. Auf dem Hwy rollten wir mit unseren üblichen 80 km/h dahin und konnten Toronto stressfrei hinter uns lassen.

Inzwischen bewegt sich die Temperatur bei Tagesanbruch nur noch wenige Grad über Null. Vor dem Aufstehen die Kabine aufheizen macht das Frühstück gemütlicher. Über Prince Edward (nicht Prince Edward Island) einer kleinen Halbinsel ging es weiter nach Osten. Es war ein angenehmer Fahrtag. Die Oberfläche des Lake Ontario glitzerte in der Sonne und die nicht abgeernteten Getreidefelder wiegten sich im Wind wie Wellen auf dem Meer. In Glenora setzten wir in 5 Minuten auf die andere Uferseite über.

Smiths Falls, Franktown und Carleton liegen nun hinter uns. Nach Ottawa, der kanadischen Hauptstadt, verließen wir bei Gatineau die 417 und folgten dem Ottawa River an seinem Südufer. Bei Taylor Creek Stau. Über das Radio erfuhren wir das ein PKW mit einem Schulbus zusammenstieß und der Autofahrer dabei ums Leben kam. In der Ortschaft Rockland, die noch in Ontario liegt, füllten wir, dass vorletzte Mal, unsere Dieseltanks. Der Liter Diesel für 0,89 Can Cent. Ein paar Kilometer weiter, in der Province Quebec, liegt der Spritpreis um einiges höher.

Langsam kommen wir dem Atlantik und unserem Endpunkt Halifax näher. Die Gefühle sind gemischt. Nördlich umfuhren wir großzügig Montreal. Emotionslos spulen wir die Kilometer runter.

Bei Trois Riviere wollten wir uns wieder auf dem angegliederten Stellplatz der Basilica Sanctuaire Notre-Dame-Du-Cap niederlassen. Wie sollte es anders sein. Der Platz wurde bereits dichtgemacht. Auf Anfrage duften wir hinter der Basilica auf dem Parkplatz die Nacht verbringen. Wir fanden einen ruhigen Schlaf.

Auf der Chémin de Roy, die meist am Flußfer des St. Lawrence entlang führt, war es ein gemütliches vorankommen. Die Stadt Quebec lag vor uns veranlasste uns aber nicht einen weiteren Halt einzulegen. Über den Parc National de la Jacques-Cartier und dem Reserve Faunique des Laurentides erreichten wir auf der 175 La Baie. Der Höhenzug des Nationalparkes war eingehült in Schnee. Bereits ab einer Höhe von 300 Meter ü.N. ist die weiße Pracht liegen geblieben und je höher wir kamen desto mehr vesankt die Landschaft im weiß.

In La Baie besuchten wir Sophie, Emilie und Gilles die inzwischen zu guten Freunden geworden sind. Nach drei Tagen mussten wir Abschied nehmen da unser Flug in 10 Tagen nach München abhebt. Den Saguenay River bekamen wir auf dieser Uferseite kaum noch zu Gesicht.

In St.-Siméon legte die Fähre ab um 2 ½ Stunden später am Pier von Riviere-du-Loup fest zu machen. Mit 190,- Dollar dürfte diese Strecke die teuerste auf dem St. Lawrence River sein.

Das Wetter ist langsam frustrierend. Seit über einer Woche sehen wir nur einen grauen, wolkenverhangenen Himmel. Davor hatten wir wenigstens noch Tage an denen sich die Sonne zeigte, etwas Wärme brachte und den Tag erhellte. Die letzten beiden Provinzen lag nun vor uns, New Brunswick und Nova Scotia. Wir befinden uns wieder auf dem TCH der in New Brunswick die Ziffer 2 trägt.

Edmundston, Grand Falls, Fredericton und Moncton kennen wir aus der Vergangenheit. Melancholie macht sich breit. Das Wetter spiegelt unsere Stimmung wieder. In Shediac, wir nutzen jetzt jede Gelegenheit, leerten wir an einer Tankstelle unsere Abwassertanks.

Auf der 133, die uns am nahesten zur Küste brachte, hofften wir an der Northumberland Strait einen geeigneten Übernachtungsplatz, mit Blick auf Prince Edward Island, zu finden. Bei Cape Tormentine, kurz nach der Brücke zu PEI fanden wir auf der Old Ferry Road ein geeignetes Plätzchen am Wasser. Der Wind peitschte den Regen waagrecht auf Leopold. Wir fanden keine Lust uns die Beine nach diesem Fahrtag zu vertreten. Erst nach dem Abendessen klangen die Niederschläge ab und der angrenzende kleine Strand lockte uns aus unserem gemütlichem fahrbaren, warmen Heim.

Auf Regen folgt Sonnenschein so auch bei uns. Der Wettergott hatte einsehen. Wie bereits gestern folgten wir, sofern es möglich war, der Küstenstraße. Bei Pugwash bogen wir auf die Gulf Shore Road in der Annahme und Hoffnung einen geeigneten Stellplatz zu finden. Gefunden haben wir nichts, auch den Campingplatz auf den wir vor 11 Jahren gestanden sind fanden wir nicht. Alle Grundstücke verbaut und abgegrenzt. Kurz vor Tatamagouche ein Parkplatz der am Trans Canada Trail liegt. Auf der ehemaligen Bahntrasse, die für Fußgänger, Radfahrer und ATV´s ausgebaut wurde legten wir etwa sechs Kilometer zu Fuß zurück. Unsere Spaziergänge waren in den letzten Wochen etwas kurz gekommen.

Die letzte Nacht, bevor wir nach Halifax fahren, verbrachten wir auf dem Parkplatz von Peggys Cove. Einen Vorteil hat diese Jahreszeit, wir sind ziemlich alleine unterwegs.

Für die letzten 3 Nächte mieteten wir uns im Best Western Chocolate Lake Hotel ein. Wir bereiteten Leopold für die Verschiffung vor und erledigten den anfallenden Papierkram der sich sehr in Grenzen hielt. Am Mittwoch den 09. November fuhren wir unseren MAN, frisch gewaschen, in das Hafengelände. Eine Bestätigung für die Reinigung des Gastanks ist nicht mehr notwendig.

Am 10.Nov. hob die Maschine von Air Canada ab, brachte uns nach Montreal wo wir mit Lufthansa nach München geflogen sind um am 11.Nov., nach 1 ½ Jahren, wieder deutschen Boden zu betreten.

Leopold kam mit mächtig Verspätung an. Im Grunde sollte er am Dienstag eintreffen, dann wurde es Donnerstag, aus Donnerstag wurde Freitag und aus Freitag wurde Samstag was schlussendlich Montag bedeutete. Leider hatte ich schon das Flugticket für den Freitag. 6:30 Uhr hob der Flieger ab. Mit der ganzen Verspäterei durfte ich das Wochenende noch in Hamburg verbringen. Das Abholen im Hafen und der Zoll, waren am Montag, nach 1 ½ Stunden erledigt.

Die Strecke Hamburg-München lag nach etwa 10 Stunden hinter mir. Unsere Crew ist wieder komplett für neue Abenteuer. Ihr wisst ja: „Nach der Reise ist vor der Reise“.

FAZIT:

 

Ein Fazit zu ziehen ist schwer da ja schon Bettina und ich diese Reise unterschiedlich erlebt haben. Eins ist jedoch klar, so eine Reise prägt in jeglicher Hinsicht.

Ob es neue Bekanntschaften sind die wir mit herzlichen Menschen geschlossen haben, neue Eindrücke die wir gesammelt haben oder die Weiterentwicklung zu seinem Partner. 1 1/2 Jahre auf engsten Raum zu leben ist oftmals nicht einfach kann zur Zerreisprobe werden aber auch, wenn man diese Hindernisse überwunden hat, eine Beziehung enger zusammenschweißen.

 

Sollte eine Reise zu diesem Erdteil noch einmal stattfinden dann würden wir den Osten der USA auslassen. Uns ist diese Ecke zu überlaufen und die landschaftlichen Highlights halten sich in Grenzen.

Neufundland dagegen hat uns in seinen Bann gezogen und ausgesprochen gut gefallen. Die beste Reisezeit für diese außergewöhnliche Insel ist Juni und Juli wenn die Eisberg noch gegen Süden ziehen, die Wale gegen Norden schwimmen und die Heerscharen von Wasservögel am Cape St. Mary´s nisten.

Über den Westen brauche ich nichts zu schreiben da über diese Regionen, sei es Alaska, Canada oder die USA, unzählige Reiseberichte und Filme veröffentlicht wurden. Wir entdeckten neues und würden bei einer erneuten Reise den Westen weiter erkunden da er einfach unglaubliche Landschaften auf kürzerer Entfernung bereit hält.

 

Die Attacke auf unseren Leopold, in der vierten Nacht, hat leider einen bitteren Beigeschmack hinterlassen der bis zum Ende der Reise nicht ganz verblichen ist.

Wir wurden, seit unserer Rückkehr, öfters einmal gefragt ob wir technische Probleme mit unserem Fahrzeug hatten. Bis auf zwei Kleinigkeiten, Glühstift und den Hydraulikheber für die Fahrerkabine, hat Leopold uns nie im stich gelassen.

 

Was aus unserer Sicht eine Langzeitreise wertvoller macht wäre eine Unterbrechung von ein paar Wochen um das Erlebte zu verarbeiten, um den sozialen Kontakt in der Heimat zu pflegen und neue Kraft für weitere Abenteuer zu sammeln.

 

Seit über 6 Monaten sind wir wieder in unserem Beruf tätig. Die Eingewöhnung war für mich nicht so schwierig wie vor 11 Jahren. Für Bettina war es sowieso nie ein Problem.

Ob wir in vielen Dingen sensibler geworden sind kann ich nicht sagen aber was ich sagen kann ist, dass wir auf die Enge der Großstadt gerne verzichten könnten.

 

Wir werden sehen wie es weiter geht. Die Welt befindet sich im Umbruch. Ob es zukünftig gut oder schlecht ist auf diese Weise zu reisen vermag ich nicht zu sagen aber für uns ist es die schönste Art diesen fantastischen Planeten näher kennen zu lernen.

 

Im Uhrzeigersinn 60.000km in 1 1/2 Jahren.

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Kommentare: 2
  • #1

    Mabakls aus DO (Sonntag, 25 Juni 2017 18:27)

    Schön, dass ihr wieder heil gelandet seid und den Einstieg in die Realitäten des Alltags gemeistert habt. Eine solche Tour gemacht zu haben, versöhnt mit vielen Widrigkeiten des `normalen` Lebens und gewinnt in der Retrospektive noch an Glanz.
    Bis hoffentlich bald!
    Eure 3 Freunde aus dem Ruhrgebiet

  • #2

    Monika und Walter (Sonntag, 25 Juni 2017 21:33)

    Schön zu hören, dass euch die Eingewöhnung gut gelungen ist.
    Irgendwann wird es sicherlich wieder eine lange Reise geben auch wenn die
    Welt immer unsicherer wird.
    Liebe Grüße aus Österreich
    Walter und Moni